Dein Warenkorb ist gerade leer!

FACES PORTRAIT AWARD 2025 – Wenn grosses Potenzial an Improvisation scheitert
Ein internationales Portraitprojekt mit viel Potenzial – und grossem Verbesserungsbedarf
Der FACES PORTRAIT AWARD in Mailand versprach eine hochkarätige Ausstellung, scheiterte jedoch an mangelhafter Organisation und unprofessioneller Präsentation. Was als Hommage an die Portraitfotografie begann, endete für viele Teilnehmende in einer enttäuschenden Erfahrung.

Kontaktiert via Instagram
Witzigerweise begann alles mit einer Nachricht auf Instagram. Die Organisatoren des FACES PORTRAIT AWARD kontaktierten mich dort direkt und fragten, ob ich an ihrer kommenden Ausstellung in Milano teilnehmen möchte. Ich war neugierig. Das Konzept – ein internationales Portraitprojekt mit 170 Fotograf:innen – klang spannend. Wie auch bei der Portrait Werkschau in der Fotogalerie Embrach wird beim FACES PORTRAIT AWARD nach Bestätigung der Teilnahme ein fixer Beitrag fällig – für Organisation, Durchführung und Präsentation. Ich wollte herausfinden, ob sich daraus etwas lernen lässt. Und ja, ich habe tatsächlich etwas gelernt: wie man es nicht macht.
Kommunikation: viel Luft nach oben
Die Kommunikation fand grösstenteils über Instagram statt – und war dabei leider oft unvollständig, unklar und interpretationsbedürftig. In der Ausschreibung hiess es beispielsweise, dass die Ausstellung in der Nähe des Mailänder Doms stattfinden werde – ein grossartiger Ort. Gleichzeitig behielten sich die Organisatoren vor, den Standort kurzfristig zu ändern. Was sie dann auch taten: Wenige Tage vor der Eröffnung wurde bekanntgegeben, dass die Ausstellung an zwei Standorten stattfinden sollte, beide in Mailand, aber wenig bekannt und für Laufkundschaft kaum auffindbar.


Die Ausstellung wurde folgendermaßen angekündigt:
„Milan becomes once again the capital of photography with FACES – The Contemporary Portrait, a remarkable exhibition that pays homage to master Maurizio Galimberti and to the genre that made him famous: the portrait.“
Das klang vielversprechend – aber zwischen Ankündigung und Umsetzung klaffte eine grosse Lücke.
Ein chaotischer Start
Der Freitag, 13. Juni 2025, war als offizieller Eröffnungstag angekündigt. Die erste Station: der Palazzo Bovara. Dort begann unser Besuch damit, dass wir zuerst einmal den Eingang suchen mussten. Kein Hinweis, kein Schild, nichts – von aussen war nicht zu erkennen, dass hier eine internationale Fotoausstellung stattfinden sollte. Eine unscheinbare Tür führte in den Eingangsbereich, wo uns dann mitgeteilt wurde: Die Ausstellung beginnt mit zwei Stunden Verspätung. Die Installation war noch nicht abgeschlossen. Besucher:innen, Fotograf:innen und sogar vereinzelte Pressevertreter:innen standen also einfach herum und warteten. Für mich ein absolutes No-Go.



Meine Frau und ich entschieden uns, den Nachmittag anders zu nutzen. Wir gingen einkaufen und genossen die Stadt. Erst gegen 18:00 Uhr kamen wir zurück – und tatsächlich, die Ausstellung lief. Wir gingen durch, schauten alles an – und waren schnell durch. Denn viel war es nicht. Beworben wurden 170 Fotograf:innen. Gesehen habe ich vielleicht 85. Auch von den 25 speziell ausgewählten Talenten, die eine grössere Präsenz erhalten sollten, waren nur knapp 18 sichtbar. Entweder fehlte bei der Installation etwas – oder man hatte schlicht vergessen, alle Arbeiten aufzuhängen.
Präsentation der Arbeiten
Einer der Punkte, die mich am meisten überrascht – oder besser: irritiert – haben, war die Präsentation. In der Fotogalerie Embrach lassen wir unsere Portraits auf hochwertigem Fine Art Papier drucken, gerahmt mit Qualitätsrahmen der deutschen Firma HALBE. Das Ergebnis ist eine würdige, professionelle Ausstellung.
In Mailand? Da wurden die Porträts im Sechser-Block auf Standard-Papier geplottet und dann mit Klebeband auf grosse Pappständer geklebt – vorne und hinten. Standfest war es, ja. Aber optisch? Eher unvorteilhaft. Besonders enttäuschend war die Montage zweier grösserer Prints, die einfach oben am Türrahmen angeklebt waren und frei in der Luft hingen. Es wirkte improvisiert – schade, denn die Räumlichkeiten selbst hätten durchaus Potenzial gehabt.

Von aussen war nach wie vor nicht erkennbar, dass hier eine Ausstellung stattfand. Entsprechend überschaubar war das Publikum: fast ausschliesslich die teilnehmenden Fotograf:innen und ein paar vereinzelte Gäste. Presse? Fehlanzeige. Den angekündigten Apéro? Habe ich nicht gefunden – oder er war kurz nach 18:00 Uhr bereits verdunstet.
Hommage an Maurizio Galimberti?
Ein zentrales Element der Ausstellung sollte die Hommage an den grossen italienischen Sofortbildfotografen Maurizio Galimberti sein. Er, geboren 1956 in Como, lebt und arbeitet in Mailand. Galimberti gilt als der bedeutendste Vertreter der italienischen Sofortbildfotografie und wurde 1991 offizieller Testimonial von Polaroid Italia. Berühmt wurde er durch seine „photographic mosaics“, etwa von Prominenten wie Johnny Depp, Robert De Niro oder Lady Gaga.
Dass Polaroid als Sponsor auftritt, ist also naheliegend. Was genau aber die „Hommage“ beinhaltete, blieb für mich leider unklar. Gezeigt wurde nur eine kleine Auswahl seiner Arbeiten. Ursprünglich war wohl geplant, dass Galimberti am Gala-Dinner selbst die Gewinner:innen bekannt gibt – doch auch das fiel ins Wasser. Er hatte keine Zeit. Die Auswahl übernahm stattdessen eine internationale Jury. Auch hier: grosse Ankündigung – kleine Umsetzung.
Mein Fazit: Enttäuschung auf hohem Niveau
Mein persönliches Fazit fällt leider ernüchternd aus. Die ganze Ausstellung wirkte überambitioniert und gleichzeitig improvisiert. Wie bei einem schlechten Film, bei dem der Trailer spannender ist als der Film selbst. Die besten 40 Sekunden hast du gesehen – der Rest ist Warten auf den Abspann.
Es tut mir leid für alle Teilnehmer:innen, die mit hohen Erwartungen, Leidenschaft und Herzblut dabei waren. Die Enttäuschung war im Instagram-Gruppenchat der Veranstaltung deutlich spürbar. Ich kann sie verstehen. Auch ich bin enttäuscht – nicht wegen meiner Arbeit oder der Teilnahme an sich, sondern wegen der verpassten Chance. Dieses Projekt hatte Potential. Man hat mit der grossen Kelle angerührt, aber am Ende nur eine lauwarme Suppe serviert.
Was ich mitnehme: Das, was wir in der Fotogalerie Embrach tun, ist richtig. Es ist professionell, respektvoll und würdig. Und darauf bin ich stolz.


